Bulldozer Bolsonaro Autor Andreas Nöthen im Interview

In diesem Interview teilt der Autor Andreas Nöthen seine Erfahrungen mit dem Schreiben seines ersten Buchs.
AutorenCoach.Koeln

Autor im Interview

Bolsonaros Machenschaften – Ein Thema für viel mehr Menschen als eine Handvoll Studierte und ein Dutzend Journalisten

Andreas Nöthen, Journalist und Autor
Andreas Nöthen Foto: Martina Seitz
Andreas Nöthen
Foto: Martina Seitz

Andreas Nöthen schreibt Polit-Analyse für alle, die es interessiert

Interview von Patricia Dudeck

„Schreibblockaden kenne ich nicht“, sagt Andreas Nöthen, freier Journalist und Buchautor von „Bulldozer Bolsonaro – wie ein Präsident Brasilien ruiniert“. In diesem Interview teilt er seine Erfahrungen mit dem Schreiben seines ersten Buchs.

In Rio de Janeiro lebte Andreas Nöthen dreieinhalb Jahre mit seiner Ehefrau samt ihren beiden Kindern. Sie hat als Lehrerin an der Deutschen Schule unterrichtet, während er als freier Korrespondent arbeitete und sich um die Kinder kümmerte. In dieser Zeit wuchs das Interesse und die Liebe zum Land. Zurück in der Frankfurter Heimat blieb sein journalistischer Fokus weiterhin auf Brasilien samt Landeschef Jair Bolsonaro. Neben seiner Tätigkeit als Pressesprecher für den hessischen Beamtenbund schrieb er sein erstes Buch, das der Christoph Links Verlag im Juli herausgab.

In meiner Zeit in Zeitungsredaktionen gehörte er zu den Journalistenkollegen, von denen ich gerne journalistisches Handwerk lernte: Er recherchiert fundiert und kritisch und haute die Artikel dabei nur so raus. Dieses Bild hat sich bis heute nicht geändert: ohne Allüren, pragmatisch, kritisch, mit Sinn für Humor und super produktiv – seine 200 Seiten starke Analyse über die umstrittenen Machenschaften Bolsonaros rockte er in sechs Monaten runter.

Als inspirierendes Beispiel habe ich Andreas Nöthen eingeladen, seine Erfahrungen in diesem Interview zu folgenden Themen zu teilen:

  • Von der Idee zum Buch
  • Der Kontakt zum passenden Verlag
  • Das Thema finden
  • Von der Kunst des Weglassens – Struktur geben
  • Der Zeitplan
  • Was sein Motor beim Schreiben war
  • Tipps für Beginner

Erschienen ist das Buch Bulldozer Bolsonaro wie ein Populist Brasilien ruiniert im Christoph Links Verlag. Hier geht es zu dessen Webshop: https://www.christoph-links-verlag.de

Die Idee zum Buch

AutorenCoach.Koeln: Andreas, wie bist du auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben?
Andreas Nöthen:
Dreieinhalb Jahre habe ich mit meiner Familie in einem komplett anderen Land gelebt, auf einem anderen Kontinent. Es lag auf der Hand, über das Erlebte ein Buch zu schreiben: Eine Familie wohnt in einem fremden Land und wundert sich… erzählenswert wäre auch, wie unsere Kontakte zustande kamen. Zur Fußballweltmeisterschaft in Rio schrieb ich für verschiedene deutschsprachige Medien über Brasilien und Südamerika. Viele fragten mich, erzähl mal, was ist da los, aber wo soll man da anfangen… So entschied ich mich schließlich über Bolsonaro zu schreiben: Wo er herkommt und was er macht.

Wer ist deine Zielgruppe?
Andreas:
Das Buch richtet sich an Leute, die sich für Brasilien interessieren, an solche die dort Wirtschaft betreiben und an alle, die schon mal von dem Typen gehört haben und mehr Hintergrundwissen haben wollen. Es ist zudem noch eine Menge Literatur angegeben, um die einzelnen Themengebiete weiter zu vertiefen.

Hast Du ein persönliches Anliegen mit dem Buch?
Andreas: Brasilien ist für viele Menschen ein großes unbekanntes Land mit Samba, Strand, Fußball und Karneval… Ich will dieses Land greifbarer machen. Gerade weil Brasilien durch die Lage am Äquator eine Schlüsselrolle für das weltweite Klima spielt, ist mir wichtig, dass mehr Leute erfahren, was in Brasilien gerade passiert. Es sollten sich viel mehr Menschen damit auseinandersetzen, als eine Handvoll Studierte und gerade mal zehn bis zwölf deutschsprachige Journalisten, die alles abdecken, was aus Brasilien kommt. Wir sollten das Land nicht bloß den Leuten überlassen, die dort die schnelle Mark machen mit der Einstellung nach uns die Sintflut. Spätestens wenn der Regenwald weg ist, werden wir die Auswirkungen spüren: ein paar Tage mit 36 Grad Celsius wie in diesem Sommer werden uns wie Kindergeburtstag vorkommen im Vergleich zu dem, was uns dann erwartet…

Der Kontakt zum Verlag

Wie bist du an den passenden Verlag gekommen?
Andreas:
Ich sprach mit einem Freund von einem Medizinverlag, ob er wüsste, wie ich vorgehen könnte. Er gab mir die Mailadresse eines Agenten. Mit dem tauschte ich mich aus. Reiseliteratur kam diesem nur in den Sinn – aussichtslos. Touristisch ist Brasilien für Deutschland noch immer viel zu weit weg und zu teuer, als dass es ein Massenmarkt werden könnte. Dafür hätte ich auch Landeskundlich nicht genug gewusst von Brasilien, das einzig Vorstellbare war eine Biografie über Bolsonaro. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Doch eine Bio sollte sich schwierig gestalten, da man sich dafür bestenfalls mit dem Menschen austauscht – aber das will Bolsonaro ja nicht. So entschied ich mich schließlich über Bolsonaro zu schreiben: Wo er herkommt und was er macht.

Warum gerade dieser Verlag?
Andreas:
Durch meine Recherche nach Verlagen, die südamerikanische Politik im Repertoire haben, kam ich zu einer Lesung von Luíz Ruffato in einem Buchladen, Land in Sicht im Frankfurter Nordend. Dessen Portfolio unterscheidet sich deutlich von dem der großen Buchladenketten. So stieß ich auf den Christoph Links Verlage, der Bücher über Politik und Zeitgeschehen herausgibt. Kaum war die Mail an den Verleger geschickt, kam seine Antwort relativ flott: er fand meine Buchidee super. Wir schrieben hin und her und plötzlich klingelte das Telefon. Er wollte mal während der Buchmesse bei mir zu Hause in Frankfurt vorbeikommen für ein persönliches Gespräch. Sinngemäß kam dabei raus: Ja, mach mal. So verlief die Zusammenarbeit mit dem Verlag von Anfang an flott, reibungslos und motivierend.

Das Thema

Wie bist du die Stoffsammlung für deine Analyse angegangen?
Andreas:
Ich sichtete Material, habe mich eingelesen. Es gibt einen Haufen politischer Bücher über Bolsonaro. Ich hatte beim Umzug nach Deutschland schon alles Mögliche aus Rio mitgebracht. Im Herbst 2019 war ich nochmal dort, wo ich einen weiteren Packen Bücher vom ARD-Büro in Rio abholte, wo ich sie zwischenzeitlich hinschicken hab lassen.

Hast du dich auch mit Experten ausgetauscht?
Andreas:
Ja, Marco, ein guter Freund von mir, ist in Rio Verfassungsrechtler an der Uni. Schon in meiner Korrespondentenzeit unter anderem für die österreichische und deutsche Presseagentur haben wir uns viel beim Joggen über Brasiliens Politik unterhalten – warum was wie funktioniert… die Zusammenhänge erscheinen furchtbar kompliziert und sind es dann letztendlich auch… Es gibt überall tausend Punkte, wo man die Verbindungen weiterverfolgen kann. Jede Tür, die man vorsichtig öffnet, weist den Weg in weitere, große Themenkomplexe. Da gilt es sich nicht im Kleinklein zu verlieren. Dem Bossa Nova-Übervater Tom Jobim wird ein bekannter Satz nachgesagt. Er soll einmal gesagt haben: Brasilien ist nichts für Anfänger. Soll heißen: Brasilien, seine Strukturen von Gesellschaft und Politik sind sehr komplex – davor hatte ich Respekt.

Fokus halten

Das klingt nach einer Menge potenziellen Schreibstoffs… wie hast du das Themenspektrum des Buches eingegrenzt?
Andreas:
Weglassen tut schon weh… allein über Korruption gibt es die wildesten Geschichten – halbwegs über jeden aktuellen Politiker. Vertieft man sich darin, verliert man sich auch schnell in den Verstrickungen. Jeder Skandal wäre ein eigenes Buch wert. Und dann gibt es ja noch den historischen Aspekt, die Diktatur, die Menschen im Widerstand, es haben sich allerhand Mythen gebildet – das ist reichlich Stoff.

Hast du einen Tipp sich nicht zu verzetteln?
Andreas:
Naja, wenn du anfängst dich total zu verlaufen, merkst du es schon selber…

Wie bist Du die Buchstruktur angegangen?
Andreas:
Bolsonaro und wie kams dazu – Aus dem Thema ergibt sich die Logik. Die Aspekte, die ich unterbringen wollte, habe ich in zehn, zwölf Brocken aufgeteilt und dann die Einzelheiten zusammengesetzt. Als Einstiegshilfe für Leser ohne Vorkenntnisse fing ich einfach ganz am Anfang an: Wo es losging, erst allgemein, über ihn, wo er herkommt, was er vorher gemacht hat. Wie es kam, dass er zum Staatschef gewählt wurde. Wie seine Politik aussieht.

Hattest Du Testleser?
Andreas:
Über fertige Kapitel habe ich verschieden Leute drüberlesen lassen: eine Journalistenkollegin, die zu Besuch war und Marco für die fachlichen Sachen. Manche Sachverhalte kommen in mehreren Kapiteln vor, wenn sie dort zum Verständnis beitragen. Damit es wirklich lesergerecht wird, dafür ist dann der Lektor da. Der betrachtet das Buch von Anfang bis Ende aus der Warte des Lesers – er schmeißt raus, was zu viel ist und bittet um Ergänzung, wenn dem Laien zum Verständnis Informationen fehlen.

Bist du zufrieden mit dem Ergebnis?
Andreas:
Nach Veröffentlichung war ich relativ beruhigt, vom Feedback der Journalisten, die sich in Brasilien auskennen. Grobe Fehler erwartete ich zwar keine, doch bei der Analyse kann man ja schon mal beim Interpretieren danebenliegen. Die Erfahrungen von Marco und dem Lektor waren mir bei meinen Einschätzungen eine große Unterstützung.  So bekam ich von einer Kollegin, die auch einige Jahre in Brasilien arbeitete, die Rückmeldung: genauso habe er es auch empfunden und wahrgenommen. Auch meine Nachbarin ist eine wichtige Kritikerin für mich: ohne jegliche fachlichen Vorkenntnisse las sie das Buch mit als Erste und fand, es sei gut zu lesen und nicht überfrachtet.

Der Zeitplan

Nicht allein der Verlagskontakt verlief flott, auch die rund 194 Buchseiten hast du relativ zügig runtergeschrieben…
Andreas:
Alles in allem sechs Monate – vom Ideenordnen und den Kontakt mit dem Agenten Ende August 2019 bis zur Abgabe des fertigen Manuskripts Ende Februar 2020 – erschienen ist das Buch dann noch ein halbes Jahr später im Juli 2020.

Das klingt nach einem straffen Zeitplan – alles eine Frage der Disziplin?
Andreas:
Möglich war das mit meiner halben Stelle als Pressesprecher. Die Schreibzeit ergab sich zwischen meiner Teilzeitarbeit und in der Schulzeit meiner Kinder: zwischen acht Uhr und halb eins. Eine Stunde von acht bis neun Uhr am Abend nutzte ich meistens, um Schreibstoff, Notizen und Zeitungsartikel für den kommenden Tag vorzusortieren.

Wie hast Du Dir die sechs Monate eingeteilt?
Andreas:
Um den Zeitplan einzuhalten, hatte ich eine Woche für die Materialauswertung veranschlagt und je zwei Wochen für ein Kapitel.

Warst Du immer im Schreibfluss?
Andreas: Wenn es gut lief, schrieb ich flüssig runter, manchmal lief es auch etwas zäher. Zwischen den Schreibphasen heißt es loslassen, sich nicht mehr mit dem Thema befassen, laufen gehen… sonst drehst du hohl…

Hast Du noch einen Tipp für die Praxis?
Andreas:
Was mir half war das Kleinhacken in kleine Portionen für den Überblick. Jedem Kapitel skizzierte ich eine grobe Struktur: wo will ich hin… daran hangelte ich mich dann entlang. So entstanden 194 Buchseiten reiner Text, 240 Seiten mit dem Literaturverzeichnis.

Motivation

Was hat Dich überhaupt gereizt ein Buch zu schreiben – Ruhm und Ehre?
Andreas: Na, viel Geld wohl eher nicht…(lacht) Das Thema trägt, davon war ich überzeugt. Und ich hatte das Gefühl, das kann ich hinkriegen, schließlich interessierte mich das Thema auch selbst brennend. Andernfalls könnte ich mich erst gar nicht an solch ein Projekt setzen.

Für zahlreiche angehende Autoren ist das Finden eines Verlages und die Selbstvermarktung eine große Herausforderung…
Andreas:
Ja, das ist das Nadelöhr. Doch für mich war auch klar, falls sich kein Verlag finden würde, hätte ich es im Selbstverlag herausgegeben. Die eigene Vermarktung über die sozialen Netzwerke und Medien ist auch mit Verlag wichtig. Gerade bei so einem Randthema. Für das Selbstmarketing habe ich natürlich auch meine Pressekontakte genutzt.

Hat sich dein Leben durch das Buch verändert?
Andreas: Über das Buch ergeben sich immer wieder interessante neue Kontakte zu Organisationen, die das Thema betrifft: Kirchliche Hilfswerke, Kinderhilfswerke, für die es auch um die Menschenrechte in Brasilien geht. In Frankfurt war ich anlässlich einer Salgado-Bilderausstellung zu einer Talkrunde eingeladen, wo sich Brasilienexperten zur aktuellen politischen Lage austauschten. Und durch das Buch, wurde auch die FH Darmstadt auf mich aufmerksam und ich starte im November als Dozent für Medienbeobachtung im Studiengang Onlinejournalismus. Auch wenn jetzt direkt kein weiteres Projekt ansteht – irgendwas ergibt sich immer, wenn man es zulässt.

Nach dem Buch ist vor dem Buch

Welche drei Eigenschaften haben dir zu deinem Buch verholfen, was braucht ein Autor, um seine Buchidee zu verwirklichen?
Andreas:
ErstensSelbstvertrauen – ich krieg das hin. Und wähle kein Thema, bei dem du nach der zweiten Seite verzweifelst…

Zweitens: Halte dir wirtschaftlich den Rücken frei. Bei mir lief das mit einem Teilzeitjob – ich war finanziell unabhängig, das gab mir Ruhe und Zeit mich mit dem Buch auseinanderzusetzen. Nebenbei habe ich andere Sachen als freier Journalist geschrieben.

Drittens: Such dir deine Nische – mein Interesse fürs Land war meine Motivation. Es war keine Auftragsarbeit. Meine Akquise betrieb ich schon als freier Korrespondent immer vom Thema her gedacht: Dem Luftfahrtmagazin bot ich einen Artikel über den Flughafen von São Paolo an. Dem Biermagazin schrieb ich etwas über die Craftbeerszene von Rio. Und meine freie Mitarbeit für die dpa und die APA waren letztlich meine Referenz.

Was macht man mit dem alten Zweifel, dass es schon Bücher und Autoren, wie Sand am Meer gibt?
Andreas:
Klar gibt es fünf, sechs andere Leute, die das gleiche Buch schreiben könnten. Doch ich wollte kein literarisches Werk schreiben, sondern soliden Journalismus. Da gibt es auch einige Leute, doch gute freie Autoren müssen auch ihre Miete zahlen. Häufig lohnt sich so ein Buchprojekt nur für Leute, die dafür finanzielle den Rücken frei haben oder sehr selbstdiszipliniert sind und es neben ihrem eigentlichen Vollzeitjob schreiben.

Was nimmst Du aus dieser Erfahrung mit?
Andreas:
Es war eine gute Erfahrung, es lief alles sehr rund. Ich habe gesehen, dass ich in der Lage bin sowas zu machen. Also warum nicht noch ein weiteres Buchprojekt angehen…

VITA Andreas Nöthen, Jahrgang 1973, Journalist, volontierte und arbeitete als Redakteur bei der Rhein-Zeitung. Seit 2016 berichtet der Wahl-Frankfurter zunächst aus Rio de Janeiro, jetzt aus Frankfurt über Brasilien und Südamerika. Neben seiner Arbeit als Pressesprecher des hessischen Beamtenbundes startet er im November als Dozent für Medienbeobachtung an der FH Darmstadt im Studiengang Onlinejournalismus.

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